Rückblick auf ein spannendes Kamingespräch

Um die aktuelle Lage in Russland und vor allem um die Frage, wie es in Russland in den nächsten Jahren weitergeht, ging es beim letzten Kamingespräch am 27. Februar. Referent des Vortrags „Wohin treibt Russland“ war Jens Siegert, Journalist und Buchautor, langjähriger Leiter des Russlandbüros der Heinrich-Böll-Stiftung in Moskau. Jens Siegert, der mit einer Russin verheiratet ist, musste 2022 das Land auf Anraten des deutschen Botschafters verlassen. Als systemkritischer Publizist und engagiertes Vorstandsmitglied der russischen zivilgesellschaftlichen Organisation „Memorial“, die für ihre Aufarbeitung der Verbrechen des Stalinismus 2022 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, wäre seine Verfolgung und Verhaftung nur eine Frage der Zeit gewesen. So lebt er seither in Nordeuropa im Exil.

Jens Siegert zeigte auf, wie der russische Staat unter Prädident Putin seit 2004 gezielt die unter Präsident Jelzin entwickelte russische Zivilgesellschaft untergrub. Zu groß war nach dem Umsturz in der Ukraine die Angst Putins, dass dem Staat die Kontrolle über das Volk entgleiten könnte. Aber wie kann es sein, dass eine große Mehrheit der Russinnen und Russen bis heute hinter ihrem Präsidenten steht? Die Erinnerung an die unsichere Umbuchszeit unter Jelzin in den 90er Jahren, verbunden mit dem als geopolitische Katastrophe empfundenen Zusammenbruch der Sowjetunion weckten und wecken in Russland die Sehnsucht nach einem starken, fast sakralen Staat mit einem starken autoritären Herrscher an der Spitze. Der neue wirtschaftliche Wohlstand dank steigender Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft, der Sieg im zweiten Tschetschenienkrieg und die erfolgreiche Annexion der Krim verhalfen Putin zu großer Popularität im Land. Der verbrecherische Angriffskrieg auf die Ukraine tut dem keinen Abbruch. Denn junge Soldaten werden durch hohe Anwerbeprämien von über 50.000 Euro und einem Wehrsold in Höhe des vierfachen Durchschnittseinkommens freiwillig rekrutiert, oft in den entlegenen Teilen des riesigen Landes. In der Hauptstadt spürt man wenig vom Krieg, den inzwischen rund 250.000 getöteten rund dreimal so vielen verwundeten russischen Soldaten. So kann Putin diesen Krieg noch weitere Jahre fortsetzen.

Wie geht es nach Putin in Russland weiter? Zunächst vermutet Siegert, dass der russische Präsident, der dieses Jahr 75 Jahre alt wird, noch einige Jahre weiter machen möchte. Sollte es keine russische Niederlage in der Ukraine geben, wird ihn auch niemand abhalten können. Denn der russische Staat und sein Sicherheitsapparat sind auf ihn als autotitären Herrscher ausgerichtet, alle Medien linientreu. Im Kreml gebe es niemand, der ihm gefährlich werden könne. Auch eine politische Opposition gibt es nicht mehr. Die meisten Menschen ziehen sich im Land in ihr Privatleben zurück. Putin wird weiterhin von seiner politischen Vorstellung von manipulierter Geschichtspolitik und Großmachtpolitik getrieben. Russland soll auf Augenhöhe mit den USA und China eine Vormachtstellung einnehmen. Er sieht es als seinen Auftrag an, Russland zur alten Größe zurückzuführen. Ob er sich nach der Ukraine auch andere ehemalige sozialistische Sowjetrepubliken wie beispielsweise die baltischen Staaten wieder einverleiben will, hänge stark am militärischen Erfolg in der Ukraine ab. 

Ein rundum gelungenes und ausverkauftes Kamingespräch.

Leave a Comment